Samstag, 17. März 2018

Rezension - Jean-Philippe Blondel - 6 Uhr 41

6 Uhr 41
von Jean-Philippe Blondel

«6 Uhr 41», ein Roman von Jean-Philippe Blondel, erschienen 2016 im Goldmann Verlag.

Übersetzt aus dem Französischen von Anne Braun.

Cécile und Philippe verbindet eine gemeinsame Zeit. Erschöpft vom Wochenende, welches sie bei ihren Eltern verbracht hat, steigt Cécile am Montagmorgen in den 6 Uhr 41 Zug zurück nach Paris - zurück zu Mann & Kind. Kurz darauf erblick sie ein bekanntes Gesicht. Zum allen Überfluss setzt dieser sich auch noch auf den letzten freien Platz, neben sie. Doch auch Philippe hat Cécile sofort erkannt. Schweigend denken beide für sich an die schöne Zeit vor 30 Jahren zurück, als sie Hals über Kopf verliebt waren und leider auch an den Moment, als sich ihr romantisches Wochenende in London zu einer Katastrophe verwandelte, nach dem sie beide getrennte Wege gingen. Je näher sie dem Gare de l´Est kommen, desto größer wird die Ungewissheit: Soll er sie ansprechen? Was könnte sie - nach all den Jahren - zu ihm sagen?

Alles was ich gesucht hatte, war ein Roman in Kurzform, den ich während meines "Hauptbuches" parallel lesen kann. Diese Kurzgeschichte suchte ich mir heraus und fing sie an, ohne mir den Inhaltstext überhaupt durchgelesen zu haben. Im Nachhin ziemlich interessant, wenn man so gar keine Ahnung hat, was auf einen zu kommt. Das Cover mit dem Schein der Morgensonne passt, finde ich aber ziemlich neutral.

Erzählt wird dem Leser eine Geschichte aus zwei Sichten, die sich aber auch teilweise ergänzen. Nach dreißig Jahren treffen sich Cécile und Philippe völlig unerwartet im Zug wieder, und keiner von beiden, mag den anderen ansprechen. Nur durch deren Gedankengängen bekommt die Geschichte für uns Leser eine Gestalt. Durch gewissen Witz und Humor verbunden mit tiefsinnigen Passagen las ich mich mit einer Neugierde unterhaltsam durch den Roman. Sowohl Cécile als auch Philippe können sich noch genau an die damalige Situation erinnern. Nicht nur an die guten Seiten der Beziehung, nein, auch als alles aus den Fugen geriet. Der Moment als alles zerbrach, ohne Aussprache, die allerdings auch nicht nötig war und die Beziehung von jetzt auf gleich sein jähes Ende fand, war schon ein komisches Gefühl zu lesen. Denn kennt das nicht jeder? Dieser Zeitpunkt, dieses intuitive Gefühl, dass etwas nicht stimmt, und dann der entscheidende Moment, der alles zerstört, und doch nicht greifbar und realistisch erscheint? Für mich war die vollkommene Enttäuschung und Verletztheit Céciles Seite und Philipps Schuldgefühle, die ihn geplagt haben und die noch immer angekratzt an der Oberflächen zu sehen sind  - obwohl es schon Jahre her ist - sehr spürbar. Und doch gewinnt dieser Roman mit seinen gekonnten Schlenkern & Beschreibungen einen humorvollen Teil, der mich schmunzeln ließ und alles weniger düster darstellte. Das Ende kann ich nicht verraten, aber ich kann euch diesen Roman empfehlen.

Ein Roman über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, welche alle unser Leben zeichnen. Und doch habe ich mich zum Ende gefragt: Wäre eine Aussprache eine bessere Lösung gewesen? Hätte es das Leben von Cécile und Philipp anders beeinflusst? Eine bedeutungsvolle Entschuldigung kann keine Wunden heilen, aber die Sicht verändern. Die Liebe, die man jemanden gibt, ist ein wertvolles, zerbrechliches Geschenk, und damit sollte man nicht spielen. Meiner Meinung nach ein Roman, über den man sich noch Stunden nach dem Lesen beschäftigen kann.

🚞💝⏱🚞💝⏱🚞💝⏱🚞💝⏱🚞💝⏱🚞💝⏱🚞💝⏱🚞💝⏱🚞💝⏱🚞💝⏱🚞💝⏱🚞


Kurzgeschichten
Kerstin Ax - 12 Briefe und ein Wunder 
Jojo Moyes - Kleine Fluchten


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen